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Lang verschüttete Traumata und ihre kulturelle Einbindung

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Trauma – eine gegenwärtig durchaus geläufige Vokabel: gemeint ist dabei primär das „psychische Trauma“ (mit körperlichen Folgen), wie es in den Katalogen der WHO Eingang gefunden hat als Erleben und Überleben von subjektiv lebensbedrohlichen Ereignissen. Therapeutisch wurde dieser Terminus relevant in den 1970er Jahren zunächst in den USA nach dem Vietnamkrieg, politisch dann in den 1990er Jahren durch die Clinton-Regierung zur Regelung und Anerkennung von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Wenngleich Trauma nicht unbedingt mit Krieg verbunden sein muss, historisch ist Krieg dem Begriff eingelagert. Jahrzehnte nach dem (oder auch den) Kriegen fragen wir in Deutschland dazu neu nach unserer Geschichte und nach lang verschütteten Erfahrungen der Kriegseltern- und Kriegskindergeneration.

Ohne historischen Blick kann wohl kaum ein Trauma entschlüsselt werden. Auch die Psychotherapie geht diesen Spuren nach und beleuchtet, wie dauerhaft hintergründige Spannung resp. Konflikte unser Denken, Fühlen und Handeln formen. Häufig wird übersehen, dass die Psychoanalyse hohe Affinität zu Traumakonzepten hat.

Die doppelte Perspektive, psychodynamisch und historisch, vermag biographisch und kulturell verdeckte Traumata nachzuzeichnen: ein Trauma, die Erfahrung also von Bedrohung und Lebensbedrohlichkeit entsteht im geschichtlich-sozialen Kontext, überlebt solche Kontexte und trägt zugleich dauerhaft die geschichtlichen Spuren fort – bis tief hinein in das eigene kulturelle Selbstverständnis. Das Entschlüsseln von Traumata wird somit zur biographischen Arbeit und zur Beschäftigung mit dem Generationengedächtnis: die Familiengeschichte gerät dabei ebenso in den Blick wie kultur-, mentalitäten- und sozialgeschichtliche Fragen.