Offcanvas
Sie haben Fragen?
Telefon: (069) 9520 9583
Kontaktformular 
Zur Anmeldung

Burn-out und Liebe

Abgelaufen

Burn-out hat mit Liebe zu tun. Liebe zu den Menschen und zu der Sache, für die man sich engagiert und verliert, für die man brennt und auch ausbrennt, für die man lebt und leben will. - Burn-out ist kein wissenschaftlicher, also exakter Begriff, der scharf abgrenzbar und definierbar wäre. Und so kann, streng genommen, Burn-out auch nicht als medizinische Diagnose verwandt werden.

Überspitzt gesagt: Burn-out als diagnostizierte Krankheit/Störung gibt es nicht. In dem heute international gültigem Diagnose-Manual der Weltgesundheitsorganisation (WHO/ICD) wird Burn-out als allgemeines (und unspezifisches) Erschöpfungssyndrom nur als Zusatzkategorie erwähnt (Z 73.0) und als Faktor, „der den Gesundheitszustand beeinflussen kann“. Grund für diese Randstellung ist der Umstand, dass sich Burn-out kaum oder gar nicht von Diagnosen aus dem Bereich der Depressionen abgrenzen lässt.

Wer jedoch von Burn-out spricht, hat in der Regel nicht im Sinn, eine medizinisch exakte Diagnose zu vertreten, sondern vielmehr, Zustände anzuklagen oder zu beklagen – die Arbeitszustände, die eigenen Gesundheitszustände (oder die der Kollegen), die so desolat sind, dass man nur „Zustände“ bekommen kann. Wer von Burn-out spricht, nimmt Partei ein und zwar auf doppelte Weise: man klagt eine Sache an, für die man eintritt und an der man zugleich mit Leib und Seele erkrankt. Wer in seiner Arbeit ausbrennt, dem ist diese nicht gleichgültig – ganz im Gegenteil. „Ich bin ausgebrannt“ – dieser Klage wohnt, wie jeder Klage, eine doppelte Wirklichkeit inne: die Liebe für das, was gewollt oder gemeint ist, sowie das bittere Leid über die Zustände, wie sie sind. Beim Burn-out geht es um eine Tragödie klassischen Ausmaßes: desto mehr wir uns für eine Sache einsetzen, desto weniger scheint sie zu gelingen.

Gemeinhin wird Burn-out bezeichnet als das Erkranken an Dauerstress, für den weder Geist noch Körper geschaffen ist: vor 35 Jahren publiziert Herbert J. Freudenberg, Sohn emigrierter jüdischer Eltern in New York seinen berühmt gewordenen Artikel über Burn-out – als Psychoanalytiker arbeitete er von 8 bis 18 Uhr in seiner Praxis und anschließend kümmerte er sich ehrenamtlich in einer free clinic von Spanish Harlem bis abends um 11 Uhr um Mühselige und Beladene – Prostituierte, Drogenabhängige. Zunehmend fühlte er sich abgeschlagen und resigniert, zugleich unausgeglichen und gereizt – bis er in einen Zustand totaler psychischer und physischer Erschöpfung geriet. – Im gleichen Jahr und in der gleichen Stadt schrieb auch Sigmund Ginsberg, Lehrbeauftragter für Management, über Burn-out: er schilderte die Gefahren, die mit den harten Managerkarrieren in die Spitzen der Vorstandsetagen verbunden sind. Manager und Sozialarbeiter – alle sind Burn-out-gefährdet. Beide Autoren kannten sich nicht, obgleich einander räumlich und thematisch nahe. Während für Ginsberg die sinkenden Leistungen im Blick auf das Unternehmen mehr im Vordergrund stehen, betont Freudenberger mehr das persönliche Leid der Betroffenen.

Heute, 35 Jahre später, spricht man von der Burn-out Spirale: hohes Engagement steht am Anfang verbunden mit wenig Erfolg und Veränderung, dann folgt - eben wegen der ausbleibenden Veränderung – erhöhtes Engagement mit ebenso wenig Erfolg, aber mit beginnender Erschöpfung und schließlich bleibt die totale Erschöpfung, aber auch die Ausweglosigkeit. Als Burn-out-Prophylaxe gilt gemeinhin: Urlaub, Hobbys, mehr Privatleben, Bewegung sowie gesundes Essen-Trinken-Schlafen verbunden mit regelmäßigen Arztbesuchen, Entspannung und Achtsamkeit nach innen, realistische Sinn- und Zielfindung, Mut zur Delegation im Arbeitsalltag sowie Supervision, bessere Kommunikation und Pflege von Kollegialität, alles zusammengefasst mit dem dreifachen E – Entlastung, Erholung und Ernüchterung.

Das grundsätzliche Problem, welches mit Burn-out verbunden ist, löst eine solche Prophylaxe nicht, nämlich die Tatsache, dass Engagement zur Falle werden kann. Burn-out ist verknüpft mit Verantwortung, Hingabe und Sehnsucht: Verantwortung gegenüber den Patienten, Klienten oder Kunden; Hingabe an das, was man tun und leisten kann; Sehnsucht nach mitmenschlicher und persönlicher Erfüllung. Wenn die Sehnsucht fehlgeht, droht sie in Sucht – Arbeitssucht etwa – umzuschlagen. Es scheint leichter, zu leiden als zu lassen. Vielmehr kommt es darauf an, seiner Liebe eine andere Gestalt zu geben.