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Psychoanalytische Techniken

Gemeinhin bekannt scheinen drei psychoanalytische Prinzipien: die freie Assoziation des/der AnalysandIn sowie die Abstinenz und die Deutungskunst des/der TherapeutIn. Diese Prinzipien haben ihren besonderen Platz innerhalb einer psychoanalytischen Behandlung – gleichwohl greifen AnalytikerInnen auf eine Vielzahl weiterer Techniken zurück, die innerhalb der über 100jährigen Geschichte der Psychoanalyse entstanden sind und oft auch von anderen Therapieverfahren übernommen wurden.

Zunächst zur klassischen Grundregel, die besagt, dass der/die AnalysandIn frei assoziieren möge – also frei mitteile, was ihr/ihm durch Kopf und Sinn geht - und der/die AnalytikerIn sich abstinent verhalte – also eigene Meinungen und Gefühle zurückhalte: Sinn dieser Grundregel ist, dass das (Tages-)Bewusstsein zurücktreten kann und Platz entsteht für wenig/kaum bewusste Schichten unseres Daseins. Unterstützt wird diese Perspektive durch das Setting von Couch und TherapeutIn hinter der Couch, so dass der/die AnalysandIn weniger kontrolliert Gefühle und Gedanken fassen kann – auch nicht beeinflusst von der Mimik des/der TherapeutIn. 

In der modernen Psychoanalyse wird das Setting oftmals verändert, wobei der/die TherapeutIn auch eine aktivere Rolle übernimmt. 

Ziel der Grundregel und des Settings ist die Deutung unbewusster Prozesse und Konflikte, die zu Hemmungen und Leid führen. Für eine stimmige und befreiende Deutung allerdings bedarf es oftmals längerer Suche und Wege. Während dieser Suche und auf diesem Wege kommen die besonderen psychoanalytischen Techniken zu tragen: 

  • den Gefühlen wird besonders Aufmerksamkeit geschenkt: es geht um emotionales Verstehen von widersprüchlichen, zuweilen auch von bedrohlichen Gefühlen
  • Abwehr und Widerstand werden gewürdigt: die Abwehr gegen Gedanken und Gefühlen wird gewürdigt sowie der Widerstand – mit, d.h. nicht gegen den/die AnalysandIn – gelockert. Der Widerstand wird als wertvolle angesehen, weil er uns Hinweise gibt auf eigene Erlebnisse, Widerfahrnisse und Impulse, die noch nicht verdaulich sind.
  • wiederkehrende Muster im Denken, Fühlen und Handelns werden erfasst: unbewusste Konflikte führen zu immer wiederkehrenden, unglücklich hemmenden Wiederholungen (Wiederholungszwang), die kaum veränderbar scheinen, obwohl sie nicht gewollt sind.
  • biographische Erfahrungen werden gewürdigt und verarbeitet: unser Tun und Wollen ist eingefärbt von biographischen Erfahrungen, die zum Teil hemmend wirken, da traumatisch und verdrängt, oder die noch kaum entdeckt sind, da wenig gesehen und gefördert. Die Individualität gewinnt so Vorrang vor schematischen therapeutischen Interventionen oder Ansichten.
  • die Geschichte unserer Beziehungen und Beziehungserfahrungen gewinnen besondere Bedeutung. Ein zentraler Satz der Psychoanalyse lautet: „Wir sind unsere Beziehungserfahrung“ – unsere Gefühle, Denk- und Handlungsmuster, all unsere biographischen Erfahrungen sind zutiefst geprägt von unseren Beziehungen, vor allem von unseren frühen Beziehungen.
  • die therapeutische Beziehung wird zum Ort von Veränderung: die therapeutische Beziehung wird zum wichtigsten Werkzeug der Analyse, weil die (unbewussten) Wünsche und Konflikte auf den/die TherapeutIn übertragen werden. Im Hier und Jetzt werden unbewusste Konflikte Beziehungsmuster, wiederholende Konflikte usw. deutlich und zugleich veränderbar. In dieser besonderen und individuellen Beziehung ist der/die TherapeutIn angehalten, auch den eigenen bewussten/unbewussten Motiven, Regungen und Impulse nachzuspüren, um dem therapeutischen Prozess gerecht zu werden.
  • die (unbewusste) Fantasie wird entdeckt und erforscht: Fantasien, Träume, auch Tagträume zeigen, wie das Seelenleben strukturiert ist und welche (weiteren) Möglichkeiten der Entfaltung noch bestehen.
In der Psychoanalyse geht es um ein tiefes Verständnis der eigenen Person, um Anerkennung von Beziehungserfahrungen und um die Entdeckung, wie die Vergangenheit in der Gegenwart lebt: nicht rein Vergangenes, sondern die unabgeschlossene – meist unbewusst - Vergangenheit im Hier und Jetzt formt unser Fühlen, Denken und Handeln.

Das Deuten dieser Gleichzeitig von Vergangenheit, Gegenwart und zukünftigen Möglichkeiten geschieht klassisch in dem Dreischritt: „klarifizieren“, d.h. Gefühls- und Denkbewegungen benennen, „konfrontieren“, d.h. diese Bewegungen in einen Zusammenhang stellen und „deuten“, d.h. in einem – unbewusst - biographischen Geschehen emotionsgesättigt zu verstehen. Die Deutung hat dabei mehrere Bezüge und macht Vergangenes deutlich, aber vor allem auch die gegenwärtigen Beziehungen, so etwa auch die Therapiebeziehung.

Für die Therapiebeziehung gilt zentral eine Wahrheit: der/die TherapeutIn lässt sich vom Gegenüber tief berühren, spürt dabei den eigenen unbewussten Spuren nach und verändert sich in der Therapie mit. Die analytische Haltung des Holdings – Dasein und Aushalten – sowie des Containings – die Suche nach Verständnis – ermöglicht, das beide, der/die AnalysandIn und der/die AnalytikerIn, dem Unbewussten zuhören und entdecken, was uns ausmacht.